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Die Pressefreiheit und die DJS

Henriette Löwisch ist die aktuelle Leiterin der Deutschen Journalistenschule (DJS), davor war sie als Korrespondentin und Journalismusdozentin in der USA. Mercedes Riederer, frischpensionierte Chefredakteurin des BR Hörfunks, stand von 1985 bis 2002 an der Spitze der DJS und ist derzeit Vorsitzende des DJS-Förderkreises, in dem fast 1.500 Absolventinnen und Absolventen zusammengeschlossen sind. Beide haben im In- und Ausland erfahren, was es heißt, wenn die Pressefreiheit bedroht ist – Anlass für ein Gespräch zum Tag der Pressefreiheit am 3. Mai 2018.

Frau Löwisch, Pressefreiheit – was heißt das für Sie?

Henriette Löwisch: In der Demokratie soll jeder Mensch erfahren können, was er oder sie erfahren muss. Und das bedeutet, dass Journalisten keinerlei Beschränkungen in ihrer Arbeit unterliegen dürfen. Ich habe ja zuletzt acht Jahre in den USA gearbeitet, also in dem Land, das für sich in Anspruch nimmt, die Pressefreiheit erfunden zu haben. Und dort bedeutet Pressefreiheit praktisch keine formale Beschränkung für Journalisten. Wie sie agieren, was sie schreiben, was sie berichten, wie sie interviewen – das ist alles sehr frei. Es gibt zum Beispiel in den USA keine Autorisierung von Interviews, auf der Straße darf jederzeit gefilmt und fotografiert werden. Diese Freiheit birgt für mich als Leserin oder Zuschauerin ein enormes Potenzial.

Frau Riederer, haben Sie persönlich erfahren, was es wirklich heißt, Pressefreiheit zu genießen – beziehungsweise eingeschränkt zu sein in der Pressefreiheit?

Mercedes Riederer: Also, ich bin jeden Tag dafür dankbar, dass es bei uns Pressefreiheit gibt. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass ich ein Nachkriegskind bin und dass in meiner Kindheit und Jugend das Dritte Reich noch sehr spürbar und greifbar war. So habe ich schon von meinen Eltern, die jeden Tag zwei Tageszeitungen gelesen haben, mitbekommen, wie wichtig ein freier Informationszugang ist. Damit Pressefreiheit geschützt und lebendig ist, muss es eine vom Staat unabhängige Presse geben. Als junge Journalistin habe ich mich dann in der Organisation „Journalisten helfen Journalisten“ engagiert, und da habe ich schon sehr früh erfahren, wie eingeschränkt die Pressefreiheit in anderen Ländern sein kann, wie gefährdet das Leben von Journalisten ist, wenn sie frei recherchieren wollen. Oder nehmen wir aktuell die Slowakei, wo gerade ein junger Journalist vermutlich deshalb erschossen wurde, weil er investigativ über Korruption recherchiert hat. Die Einschränkung von Pressefreiheit ist sehr nahe – auch wenn wir sie Gott sei Dank in diesem Land nicht erleben, selbst wenn mancher Journalist sich mal unter Druck fühlt. Aber das ist noch keine Einschränkung von Pressefreiheit.

Sie haben, Frau Löwisch, bis vor kurzem in den USA gearbeitet und haben ja gerade darauf verwiesen, dass die rechtliche Spielwiese dort vielleicht sogar noch breiter ist als bei uns. Ist die Pressefreiheit dort deshalb größer, in Deutschland geringer als in den USA?

Löwisch: Das kann man so nicht sagen, denn es gibt auch weniger direkte Methoden, mit denen die Pressefreiheit eingeschränkt wird. Ein Beispiel ist die Trumpsche Politik des Umgangs mit der Presse. Wenn Mächtige, aus Politik oder Wirtschaft, ständig die Legitimität und die Glaubwürdigkeit von Journalisten anzweifeln, dann entsteht bei den Journalisten schnell eine Schere im Kopf. Dann besteht die Gefahr, dass sie bestimmte Themen gar nicht mehr anfassen, aus Angst, dass sie auf sämtlichen Kanälen ständig beschimpft und bedroht werden.

Was lässt sich dagegen tun?

Löwisch: Wir Journalisten müssen mehr von uns aus auf Leute zugehen und erklären, wie wir arbeiten, am besten im persönlichen Gespräch. Wie gehen wir mit zweifelhaften Inhalten um, und wie mit eigenen Fehlern? Was ist der Unterschied zwischen wahrhaftiger Berichterstattung und Fake News? Die DJS schickt dieses Jahr zum Tag der Pressefreiheit ihre Absolventinnen und Absolventen in ihre ehemaligen Gymnasien und Realschulen, um genau solche Gespräche zu suchen, und zwar mit der nächsten Generation. Wir wollen für den Journalismus streiten, indem wir über ihn streiten.

Riederer: Es gibt erschreckende Zahlen über den Vertrauensverlust der Menschen in die Medien.  Losgetreten durch die Pegida-Bewegung, die mit ihrer diffamierenden Bezeichnung von der „Lügenpresse“ die Glaubwürdigkeit der Presse angegriffen hat. Dazu kommt die Verunsicherung durch Fake News. 63 Prozent der Menschen fühlen sich verunsichert und manipuliert. Dem will die DJS etwas entgegensetzen. Zeigen wie Journalisten arbeiten und dass Qualitätsjournalismus eine ernsthafte Ausbildung benötigt. Die DJS mit ihrem kleinen Team kann das nicht flächendeckend anbieten, aber sehr persönlich und direkt. Das ist eine Aktion der Ehemaligen, mit der wir dieses Jahr beginnen und von der wir hoffen, dass sie jedes Jahr größer wird. Der Tag der Pressefreiheit ist der richtige Tag um zu starten und die Glaubwürdigkeit der Medien in den Schulen auf den Stundenplan zu setzen.

Wenn wir von Pressefreiheit sprechen – inwieweit ist die Pressefreiheit neben dem Geschenk auch eine Verpflichtung und eine Verantwortung für uns Journalistinnen und Journalisten?

Riederer: Verantwortung ist ein ganz wichtiger Begriff. Journalisten müssen verantwortlich recherchieren und das, was sie gesehen und gehört haben, verantwortlich darstellen. Wenn sie das nicht tun, ist tatsächlich die Glaubwürdigkeit in Gefahr.

In einer recht aktuellen Umfrage von B5 aktuell zum Vertrauen in die Medien heißt es: Medien sollten noch stärker darauf achten, dass die Vollständigkeit gewahrt wird, dass Quellen transparenter gemacht werden und dass neben Problemen auch stärker über Lösungen berichtet wird.

Riederer: Wir haben diese Umfrage in Auftrag gegeben, weil wir wissen wollten, ob uns bei unserer täglichen Arbeit das Gespür für verlorengeht, worauf wir mehr achten müssen und was das Publikum von uns erwartet. Wir versuchen nun, die Ergebnisse konsequent zu berücksichtigen.

Zum Beispiel?

Riederer: Öfters transparent zu machen, woher wir unsere Informationen haben. Oder wo wir nicht weitergekommen sind mit der Recherche. Und mehr Hintergrund zu liefern, zu erklären. Wir Journalisten sind tief drin im täglichen Geschäft unserer Ressorts. Und vergessen dabei, dass ein Teil des Publikums keine Zeit hat, sich intensiv mit unseren Themen zu beschäftigen und daher erwartet, dass wir ihnen die Dinge sortieren, aufbereiten und erklären.

Frau Löwisch, Verantwortung der Presse im Umgang mit der Pressefreiheit. Wie sehen Sie das?

Löwisch: Das Wichtigste ist doch, dass Journalisten ergebnisoffen arbeiten. Natürlich hat man, ähnlich wie der Naturwissenschaftler, erstmal eine Hypothese, von der man ausgeht – aber für einen guten Journalisten muss sich diese These auch als falsch erweisen können. Das ist der Grundpfeiler von verantwortungsbewusstem Umgang mit Pressefreiheit. Und dann ist die Frage, wie machen wir sichtbar, dass wir verantwortungsbewusst mit Pressefreiheit umgehen? Ein Weg ist sicher, die Quellen stärker offenzulegen. Darüber sollten wir wieder stärker nachdenken, es wird viel im Konjunktiv berichtet, und es gibt eine Inflation an anonymen Quellen. Und ein weiterer Aspekt, den die Journalisten manchmal vergessen: mit Menschen respektvoll umzugehen.

Was heißt das?

Löwisch: Je weniger Macht die Leute haben, desto respektvoller muss man mit ihnen umgehen. Klar dürfen Journalisten keine Angst haben, klar müssen sie sich trauen, die harten Fragen zu stellen. Aber Respekt hat ja auch eine positive Seite. Und die finde ich wichtig, vor allem gegenüber Leuten, die keine Macht haben. Politiker können diktieren, welche Passagen aus dem Interview autorisiert werden, die Wirtschaft kann Anzeigen zurückziehen oder mit dem Zurückziehen von Anzeigen drohen. Das kann die einfache Wählerin nicht.

Also, dass ich die Objekte meiner Berichterstattung zum Beispiel im Lokaljournalismus auch ein Stück weit vor sich selber schütze?

Löwisch: Ja, es gibt, glaube ich, Momente, wo das sinnvoll ist. Weil eben manche Leute das Geschäft nicht in- und auswendig kennen und wissen, wie „es läuft“.

Vor kurzem gab es im Spiegel  eine Geschichte zum Thema Glaubwürdigkeit der Medien. Eine Redakteurin hat unter anderem mit notorischen Leserbrief-Schreibern gesprochen und mit enttäuschten Ex-Lesern. Und einer dieser Leser wird zitiert mit den Worten: „Ihr Journalisten könnt mit jedem Politiker in Washington wunderbar parlieren, aber ihr wisst nicht mehr, wie man an einem Stammtisch hockt und sich mit den Menschen unterhält.“ Was sagen Sie dazu?

Riederer: Ich würde das unterschreiben. Mir ist immer sehr wichtig gewesen, dass sich Journalisten nicht immer nur unter ihresgleichen bewegen. Sondern dass sie rausgehen, dass sie Vor-Ort-Recherche machen. Das muss heute wieder vermehrt gelehrt und gelernt werden, denn man kann inzwischen so viel online recherchieren, dass man die Redaktion eigentlich gar nicht mehr verlassen müsste. Vor einigen Jahren haben wir jungen Journalisten beigebracht, wie man online recherchiert, heute muss auf den Lehrplan wieder: Was ist Vor-Ort-Recherche, wie gehe ich mit normalem Publikum um.

Löwisch: Den Stammtisch im Sinne von verkürzter, sehr emotionaler Rede – den gibt es ja auch im Internet, in den sozialen Medien. Ja, unbedingt müssen die Schüler oder die Journalisten wieder mehr rausgehen und mit den Leuten reden.

Zur Lage der Presse habe ich eine echte eine Spaßverderber-Zahl, aus den USA: Im Jahr 2000 kamen laut US Labor Office auf insgesamt 66.000 Nachrichtenjournalisten 129.000 PR-Mitarbeiter. 1:2 ungefähr. Inzwischen kommen auf 46.000 Nachrichtenjournalisten … wie viele PR-Leute, was würden Sie schätzen?

Riederer: 1:5 vermutlich?

Ja, das stimmt ziemlich genau. Von 1:2 auf 1:5. Was heißt das für den Journalismus? Und was heißt das für die tatsächliche Pressefreiheit–  jenseits von rechtlichen Rahmenbedingungen und hehren Prinzipien?

Löwisch: Durch die neuen technischen Möglichkeiten können wirtschaftliche und politische Player ihr Publikum direkt erreichen, sie brauchen keine Journalisten mehr, sondern nur noch einen Twitter-Account oder ein Kundenmagazin. Das ist eine Herausforderung für das, was wir gemeinhin unter freie Presse verstehen.

Riederer: Es dürfen nicht weniger Journalisten werden. Denn sonst wird immer mehr von dem Material, das von PR-Leuten veröffentlicht wird, eins zu eins übernommen. Die Aufgabe des Journalismus ist doch auch, das, was an PR in die Redaktion flattert, noch mal zu checken.

Sie als aktuelle und Sie als ehemalige DJS-Leiterin haben ja viel mit der Vermittlung von Kompetenzen zu tun gehabt. Was muss eine junge Journalistin, ein junger Journalist heute lernen, um in diesen Zeiten die Pressefreiheit zu stärken?

Riederer: Der Journalist muss vorurteilsfrei und mit offenen Augen durch die Welt gehen. Er muss erkennen, was interessante und relevante Themen sind. Er muss fair mit seinen Gesprächspartnern umgehen. Er muss Geschichten erzählen können. Denn wenn etwas langweilig oder dröge ist, interessiert sich keiner dafür, egal wie wichtig der Inhalt ist. Und ergebnisoffene Recherche, die halte ich auch für ganz, ganz wichtig. Je länger man im Journalismus ist, desto mehr muss man sich selber immer wieder zur Ordnung rufen, weil man denkt, das kenne ich schon, weiß ich doch eh, wie das ausgeht. Nein, man muss immer wieder auf Null zurückgehen und sich bei der Recherche sagen, das will ich mir nochmal anschauen, ist das denn wirklich so?

Frau Löwisch, ich möchte die Frage zuspitzen: Was müssen Journalistinnen und Journalisten heute, unter Ihrer Führung, mehr können und besser beherrschen als zu Zeiten von Mercedes Riederer – und was weniger? Welche Kompetenzen werden wichtiger, welche unwichtiger?

Löwisch: Recherchieren, Fakten checken, Sachverhalte verifizieren – all das wird noch wichtiger. Denn die Menge der verfügbaren Information hat sich einfach vergrößert. Und die technischen Möglichkeiten, Inhalte, Videos, Audio, Fotos zu manipulieren, sind natürlich heute ganz andere.

Und was müssen die jungen Kolleginnen und Kollegen nicht mehr so gut können?

Löwisch: Das ist echt eine schwierige Frage, auf die mir die Antwort fehlt. Und es ist auch die große Herausforderung, die mit meiner Position hier verbunden ist, weil es ein begrenztes Zeitbudget für die Ausbildung gibt. Sollten wir weniger Wert aufs Schreiben legen? Nein, sollten wir nicht. Denn dann würden wir total am Arbeitsmarkt vorbei ausbilden.

Wenn die gute Fee käme und Sie einen Wunsch für eine junge Journalistin, einen Journalisten heute frei hätten – was wäre das?

Riederer: Dass die Pressefreiheit erhalten bleibt. Mein Wunsch Nummer eins. Das zweite: Dass die ökonomische Situation des Journalismus sich nicht weiter verschlechtert, so dass die jungen Kolleginnen und Kollegen die Chance haben, sich auf Inhalte zu konzentrieren und sich weniger um ihr persönliches Einkommen kümmern müssen.

Löwisch: Ich würde ihnen Mut wünschen. Den brauchen sie für alles, was sie tun. Dass sie sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Jungen Menschen, die in den Journalismus wollen, wird immer erzählt, es sei vorbei mit dem Journalismus, alles sei so furchtbar, man könne dort nichts mehr verdienen, Journalisten seien so unbeliebt in der Bevölkerung und lauter so ein Zeug. Die jungen Leute werden von ihrer Umgebung und ihrem Umfeld schon ganz schön entmutigt, wenn sie in den Journalismus wollen. Das heißt, sie brauchen Mut. Und den wünsche ich ihnen!

Die Fragen stellte Christian Thiele. Gelernter Journalist mit dem Schwerpunkt Interviews, arbeitet er heute vorwiegend als Dozent, Coach und Führungskräftetrainer für Journalistenschulen und Medienhäuser. Er ist leidenschaftlicher Bergsteiger und lebt mit seiner Patchworkfamilie in Partenkirchen. www.christian-thiele.com

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